Wittenberg an der Elbe – Geburtsort evangelischer Kirchenmusik
Mit Luthers legendärem Thesenanschlag zu Wittenberg begannen grundlegende kirchen- und reichspolitische Veränderungen. Zur Stärkung des neuen, am Evangelium orientierten Gottesdienstes trugen wesentlich die Gemeindelieder in deutscher Sprache und die Figuralmusik bei. In Wittenberg formte sich reformatorisches Musikschaffen, hier trieb es seiner ersten Blüte zu.
Notenschriften von Heinrich Finck, Thomas Stoltzer, Balthasar Resinarius, Simon Cellarius, Sixt Dietrich, Arnold von Bruck, Ludwig Senfl und Martin Agricola sind in Sammelbänden frühprotestantischer Kirchenmusik überliefert, die der ehemalige Thomaskantor und Wittenberger Musikverleger Georg Rhau in Wittenberg druckte. Mittelhochdeutsche Liederhandschriften wurden lange Zeit in der Wittenberger Schlossbibliothek bewahrt und gelangten mit der gesamten Bibliotheca Electoralis 1549 nach Jena, die dort zum Gründungsbestand der heutigen Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek wurde.
Historische Bedeutung erlangte Wittenberg auch durch den Kurfürsten Friedrich III. von Sachsen, einen Förderer von Wissenschaft und Kunst. So hat er die Elbestadt durch den Neubau von Schloss und Schlosskirche zur repräsentativen Residenz gemacht und1502 die Universität Leucorea gegründet, die zum Zentrum der Reformation wurde. Er holte Lucas Cranach d. Ä. als seinen Hofmaler nach Wittenberg und unterhielt die virtuose wie kreative Wittenberger Hofkapelle. Friedrich der Weise war es, der Martin Luther vor der Verfolgung durch die katholische Kirche schützte.
Die Wittenberger Hofkapelle
Das Ensemble aus Instrumentalisten und Vokalisten – von Thomas Höhne und Gesine Friedrich 2002 gegründet – pflegt mitteldeutsche Musikpraxis des 15. bis 17. Jahrhunderts ganz nach dem Vorbild der ernestinischen Hofkapelle. Mit Leidenschaft betreibt das Ensemble die musikwissenschaftliche Aufarbeitung des alten Repertoires und sorgt für sehr lebendige Aufführungen. Konzertreisen führten Musiker des Ensembles bereits nach Österreich, Frankreich, Mazedonien, Singapur, China und Amerika. Seit 2006 veranstaltet die Wittenberger Hofkapelle das Wittenberger Renaissance Musikfestival.
Die Lutherstadt lädt zum Festival
Die reiche Wittenberger Musiktradition vom Spätmittelalter bis zur Reformation – diesen einzigartigen Schatz deutscher Musikgeschichte – hörbar und erlebbar zu machen, ist Ziel des Festivals, das stets Ende Oktober unmittelbar vor dem Reformationstag in der Lutherstadt eine beständig wachsende Besucherzahl findet. Dieses Festival propagiert eine facettenreiche, bislang weithin unbekannte Musik, deren Eigenart und Schönheit auch ohne Vorkenntnisse faszinieren. Und es erinnert schon jetzt an das große Jubiläum im Jahr 2017: den 500. Jahrestages von Luthers Thesenanschlag.
Das Wittenberger Renaissance Musikfestival ist einzigartig, denn es bietet sowohl eine Reihe von Konzerten mit engagierten Ensembles als auch einen Workshop mit Spezialisten aus ganz Europa, Vorträge und eine Instrumentenausstellung.
Bei Musikern wie Besuchern erfreut sich das Festival zunehmender Beliebtheit. Die gut besuchten Konzerte ernten Lob der Fachkritik. Und beständig wächst das Interesse am Workshop für Renaissancemusik. Dozenten für Instrumente wie Viola da Gamba, Dulzian, Krummhorn und Pommer eröffnen Berufsmusikern wie geübten Laien nicht nur Wege zur Virtuosität auf den alten Instrumenten, sondern auch zum tieferen Verständnis einer geschichtlich bedeutsamen Musikkultur.
Die internationale Verkaufsausstellung der Instrumentenbauer bietet Exponate, die man sowohl gern ansieht als auch anhört. Workshop-Teilnehmer kommen in ihren Pausen ins Bugenhagenhaus gegenüber der Stadtkirche und probieren. Auch die Instrumentenbauer selbst geben Einführungen und erläutern die teils kurios erscheinenden, virtuos gefertigten Einzelstücke und ihre Rolle im Alltag um 1500.
Das das Spielen historischer Instrumente junge Leute begeistert, zeigte sich beim Festival 2009, als Schüler der Kreismusikschule und das Praetorius Consort Bad Schmiedeberg bei einem gemeinsamen Konzert spätmittelalterlicher Werke der Region höchst lebendig erklingen ließen.
2010: Philipp Melanchthon in Musik und Dichtung
In diesem Jahr findet das Festival zum fünften Male statt. Im Mittelpunkt stehen Vertonungen der Dichtung Philipp Melanchthons, der bereits von seinen Zeitgenossen als der zweite große Mann der Reformation angesehen wurde. Nach Luthers Tod fiel ihm die Führungsrolle im Protestantismus zu. Melanchthon bemühte sich intensiv, die evangelische Lehre auf den Reichstagen verständlich zu machen und zugleich um die Einheit der Kirche zu kämpfen. Dass Melanchthons Texte so häufig vertont wurden, ist natürlich auch darin begründet, dass er ein großer Liebhaber und Förderer der Musik in Wttenberg war, vor allem in Wittenberg.
www.wittenberger-renaissancemusik.de
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